Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung

Intersektionale Ansätze: Wissenschaftler/innen mit Migrationshintergrund


Kategorien: Wissenschaftliches Personal; Deutschland

Inhaltliche Beschreibung

Die Tabelle zeigt den Anteil an Personen mit und ohne Migrationshintergrund am gesamten wissenschaftlichen Personal an Hochschulen sowie den Frauenanteil in diesen Gruppen.

Für die Ungleichheitskategorie „Ethnische Herkunft / Migration / Staatsangehörigkeit“ existiert keine einheitliche Datengrundlage. Die Tabelle präsentiert daher Daten aus verschiedenen Datenquellen, in denen „Ethnische Herkunft / Migration / Staatsangehörigkeit“ jeweils unterschiedlich operationalisiert wird.

Die Hochschulstatistik erhebt für das Hochschulpersonal die Staatsangehörigkeit. Unterschieden werden damit Wissenschaftler/innen mit deutscher und mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Differenzierte Auswertungen nach einzelnen Ländern sind grundsätzlich möglich.

Seit 2005 erfasst der Mikrozensus den Migrationshintergrund aus einer Kombination von Geburtsland und aktueller Staatsangehörigkeit. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählen die Personen zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund, die die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen oder die mindestens ein Elternteil haben, auf das dies zutrifft. Im Einzelnen haben folgende Gruppen nach dieser Definition einen Migrationshintergrund: Ausländer/innen, Eingebürgerte, (Spät-) Aussiedler/innen und die Kinder dieser drei Gruppen. (vgl. Statistisches Bundesamt). Aufgrund der Erhebungsart ist nur eine kleine Fallzahl an Wissenschaftler/innen an Hochschulen in dem Sample vertreten und vertiefte Differenzierungen sind für diese Gruppe nicht möglich.

In einer Online-Befragung von Wissenschaftler/innen im Rahmen des Projektes „Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft“ (2008) erhob das CEWS den Migrationshintergrund entsprechend der Definition des Statistischen Bundesamtes. Die hohe Fallzahl ermöglicht differenzierte Analysen. Aufgrund der Thematik der Befragung sind Frauen in dieser Stichprobe überrepräsentiert.

Eine Übersicht über die Erhebung von verschiedenen Ungleichheitskategorien in amtlichen Daten und in Erhebungen zu Wissenschaft und Forschung findet sich im CEWS-Angebot Forschungsdaten.

Der Anteil der Wissenschaftler/innen an Hochschulen mit Migrationshintergrund betrug 2013 laut Mikrozensus 21,3 Prozent. Die CEWS Erhebung ergab 2008 einen Anteil von 12,8 Prozent. Laut Hochschulstatistik des Jahres 2016 hatten 11,9 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen und künstlerischen Personals eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Der Frauenanteil ist in der Gruppe der Wissenschaftler/innen mit Migrationshintergrund höher als bei denjenigen ohne Migrationshintergrund. Besonders hoch ist der Frauenanteil bei der Gruppe der zugewanderten Ausländer/innen. Darüber hinaus ist auch bei den Ausländer/innen ohne eigene Migrationserfahrung, den Spätaussiedler/innen und eingebürgerte Zuwanderer/innen sowie den Deutschen mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung der Frauenanteil höher als bei den Wissenschaftler/innen ohne Migrationshintergrund.

Kontext und gleichstellungspolitische Bedeutung

Sowohl aufgrund von Diversitätspolitiken von Hochschulen als auch aufgrund von Erkenntnissen der Geschlechterforschung sind intersektionale Ansätze grundlegend für das Verständnis der Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft. „Ethnische Herkunft / Migration / Staatsangehörigkeit“ ist dabei eine wichtige Ungleichheitskategorie. Sie knüpft zum einen an Internationalisierungsstrategien von Hochschulen (internationale Mobilität) an. Zum anderen verbindet sich die Kategorie „ethnische Herkunft“ mit Diskussionen zur Integration von Migrant/innen in Deutschland und Antidiskriminierungs-Policies. Ähnlich wie bei der Kategorie Geschlecht stehen bei „ethnischer Herkunft“ strukturelle Ungleichheiten –Rassismus – und Zuschreibungen – rassifizierte Zuschreibungen – im Zentrum der Analyse.

Um quantitative Daten zu erfassen, operationalisieren die amtliche Statistik oder Befragungen die Ungleichheitskategorie „Ethnische Herkunft“ über „Staatsangehörigkeit“, „Migrationshintergrund“ oder „Bildungsinländer/innen / -ausländer/innen“. Diese Operationalisierungen weisen jeweils spezifische Begrenzungen auf. „Staatsangehörigkeit“ verdeckt, dass Gruppen wie Spätaussiedler/innen oder eingebürgerte Deutsche ähnliche Ausgrenzungen und Zuschreibungen erfahren können wie Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Gegen das Konzept „Migrationshintergrund“ wird eingewandt, dass die Gruppe sehr heterogen ist. Schließlich werden weder mit dem Konzept „Staatsangehörigkeit“ noch mit „Migrationshintergrund“ Ausgrenzungen und Diskriminierungen erfasst, die sich durch Rassifizierungen – z.B. über phänotypische Marker – oder durch eine Hierarchisierung von Ländern ergeben.

Trotz dieser Begrenzungen stellen quantitative Daten zu der Ungleichheitskategorie „Ethnische Herkunft“ in der Wissenschaft auf Hochschulebene und auf nationaler Ebene eine Grundlage für Hochschulpolitik dar. In der Gleichstellungspolitik geht es dabei vor allem darum, sowohl Differenzierungen innerhalb der Geschlechter und die Verschränkung von Sexismus und Rassismus zu berücksichtigten, als auch geschlechtsspezifische Aspekte in Internationalisierungsstrategien und auf rassismuskritische Maßnahmen zu integrieren.

Quellen und Datenqualität

Hochschulstatistik des Statistischen Bundesamtes
Personal an Hochschulen (Fachserie 11 Reihe 4.4)
Zusammenfassende Übersichten: 6 Wissenschaftliches und künstlerisches Personal 2016 nach Ländern, Hochschularten, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Beschäftigungsverhältnissen
zu Datenerhebung und Datenqualität vgl. Frauenanteile am wissenschaftlichen Personal nach Personalgruppen

Daten als Excel-Datei: hier (129 kB)

Mikrozensus 2013
Mit dem Mikrozensus werden jährlich ein Prozent der Personen und Haushalte befragt. Beschreibung der Erhebung und Variablen findet sich im Mikrodaten-Informationssystem von GESIS

Der Migrationshintergrund der Eltern wird nur alle 4 Jahre (2005, 2009 und 2013) explizit erfragt. In den übrigen Jahren werden Personen, die nicht aufgrund eigener Merkmale, sondern aufgrund eines Elternteils einen Migrationshintergrund haben, nur identifiziert, wenn sie im Haushalt der Eltern leben.

FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Mikrozensus Scientific Use File 2013, „eigene Berechnungen, durchgeführt vom GML
Seit 2009 wird der Migrationsstatus, aus dem die Definition für die CEWS-Erhebung 2008 entstand, vom statistischen Bundesamt recodiert. Daraus ergibt sich die neue Definition, die sprachlich zwischen Migrationshintergrund und Migrationserfahrung unterscheidet. Zur besseren Darstellung wurden in der CEWS Auswertung die Gruppen Spätaussiedler, Deutsche Zuwanderer ohne Einbürgerung mit der Gruppe sonstige Eingebürgerte mit eigener Migrationserfahrung zusammengefasst. Inhaltlich unterscheiden sich die Definitionen von 2005/08 und von 2013 nicht.
Um das hauptberufliche wissenschaftliche Personal an Hochschulen abzubilden wurde die Gruppe an Personen mit Lehr- und Forschungstätigkeiten an Hochschulen (hoch komplexe Tätigkeiten) nach der Klassifizierung der Berufe 2010 ausgewählt.
Die Zahlen sind mit dem Standardhochrechnungsfaktor Jahr (auf 1000 der Bevölkerung) gewichtet.

CEWS-Erhebung 2008
Einmalige Online-Befragung von Wissenschaftler/innen im Rahmen des BMBF-Projektes „Balancierung von Wissenschaft und Elternschaft“; Klumpenstichprobe an 19 Universitäten; Rücklaufquote: 22%, N=8680, für 8647 Personen liegen Angaben zum Migrationshintergrund vor; Erhebungszeitraum: April-Juni 2008; weitere Informationen zu der Befragung: Lind 2010

Ähnliche Datensätze:
Frauenanteile am wissenschaftlichen Personal nach Wirtschaftssektoren im internationalen Vergleich

Weiterführendes Literaturverzeichnis

Neusel, Aylâ; Wolter, Andrä (Hg.) (2017): Mobile Wissenschaft. Internationale Mobilität und Migration in der Hochschule: Frankfurt a. M.: Campus.

Zippel, Kathrin S. (2017): Women in global science. Advancing academic careers through international collaboration: Stanford, California: Stanford University Press.

Löther, Andrea (2012): Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Migrationshintergrund. In: Die Hochschule: Journal für Wissenschaft und Bildung 21 (1/2012), S. 36–55. (URL: nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-294410).

Lind, Inken (2010): Was verhindert Elternschaft? Zum Einfluss wissenschaftlicher Kontextfaktoren und individueller Perspektiven auf generative Entscheidungen des wissenschaftlichen Personals. In: Bauschke-Urban, Carola; Kamphans, Marion & Sagebiel, Felizitas (Hg.): Subversion und Intervention: Wissenschaft und Geschlechter(un)ordnung. Opladen: Barbara Budrich, S. 155–178.

Lind, Inken; Löther, Andrea (Hg.) (2008): Wissenschaftlerinnen mit Migrationshintergrund. Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS): Bonn (cews.publik, No. 12). (URL: nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-233429).

Statistisches Bundesamt: Personen mit Migrationshintergrund. Methodische Erläuterungen: Wiesbaden. (URL: hier)

Schlagworte

Statistik und statistische Daten; Hochschulen; Migration; Intersektionalität; ethnische Herkunft